Das kann mir keine Übung der Welt beibringen

Diesen Satz höre ich manchmal in meinem Studio.

Er kommt von Menschen, die zum ersten Mal erleben, wie es sich anfühlt, den eigenen Körper von innen wahrzunehmen. Nicht über Muskelkraft, nicht über Bewegung, sondern über die Fähigkeit des Nervensystems, uns mit unseren inneren Strukturen in Kontakt zu bringen.

In diesem Beitrag geht es um einen Sinn, den jeder Mensch besitzt, den wir aber kaum bewusst nutzen, nämlich die Propriozeption. Sie wird auch als Tiefenwahrnehmung oder von mir als differenzierte Körperwahrnehmung bezeichnet. Sie liefert dem Gehirn u.a. Informationen über Positionierung unserer Körperteile zueinander und über Spannungsverhältnisse bzw. Kraftflüsse im Körper. Sie ist immer vorhanden nur nicht unbedingt bewusst.

Mehr als Muskeln

Die meisten Trainingsprogramme beginnen mit Übungen.

Für mich beginnt gutes Training noch früher.

Ohne eine differenzierte Körperwahrnehmung arbeiten Muskeln häufig isoliert, sie entwickeln zwar Kraft, stehen aber nicht in einer feinen Abstimmung mit dem gesamten Körper. Es entstehen Bewegungen – jedoch keine echte Integration.

Bewegung entsteht nicht allein durch Muskeln sondern im Dialog zwischen Gehirn, Nervensystem und Körper.

Das fehlende Bindeglied

Stellt euch Wasser und Öl in einem Glas vor. Beides befindet sich im selben Gefäß und trotzdem verbindet es sich nicht. Erst ein Emulgator macht aus zwei getrennten Stoffen eine stabile Einheit.

Die differenzierte Körperwahrnehmung ist so ein Verbindungsmittel. Sie verbindet Gehirn und Körper und ermöglicht den Austausch zwischen Wahrnehmung und Bewegung. Erst dadurch entsteht eine Bewegung, die nicht nur funktioniert, sondern sich auch stimmig anfühlt.

Warum ich darüber schreibe

Während meines Studiums der Sportwissenschaft lernte ich, körperliche Leistungsfähigkeit objektiv zu messen: Herzfrequenz,VO₂max., Blutlaktat, Maximalkraft…

All diese Werte liefern wertvolle Informationen und bilden die Grundlage moderner Trainings- und Rehabilitationskonzepte. Mit den Jahren fiel mir auf, dass viele Menschen regelmäßig trainieren, unzählige Methoden kennen, viel Zeit, Energie und Disziplin investieren und trotzdem ihre Ziele nicht erreichen bzw. nicht dauerhaft halten können. Beschwerden kommen zurück, Verspannungen bleiben und neue Überlastungen entstehen.

Parallel dazu beobachtete ich immer wieder, wie Menschen eine starke Abhängigkeit von bestimmten Methoden, Übungen oder Behandlungen entwickelten. Was ich damit meine ist: Wenn eine Übung hilft, ist das zunächst etwas Gutes. Natürlich möchte man sie dann weiterhin nutzen. Problematisch wird es, wenn daraus Überzeugungen entstehen wie: „Ohne diese Übung funktioniert mein Körper nicht“

Hinter solchen Aussagen steckt oft die subtile Botschaft „mit meinem Körper stimmt grundsätzlich etwas nicht“. Als wäre er ein Mängelexemplar, das ständig von außen korrigiert und kontrolliert werden muss. Dadurch kann eine Beziehung zum eigenen Körper entstehen, die weniger von Vertrauen und Verständnis geprägt ist, als von Unsicherheit und Kontrolle.

Aus Selbstwirksamkeit wird dann Abhängigkeit. Und wenn eine Methode irgendwann nicht mehr hilft, beginnt die Suche nach der nächsten.

Das eigentliche Problem

Mich beschäftigt seit Jahren eine Frage:

Wie kann es sein, dass wir immer mehr Wissen, immer mehr Methoden und immer bessere Technologien besitzen – und gleichzeitig immer mehr Menschen das Vertrauen in ihren eigenen Körper verlieren?

Vielleicht brauchen wir gar nicht noch mehr Übungen. Vielleicht brauchen wir einen besseren Zugang zu uns selbst.

Ein Sinn, den wir vergessen haben

Bei meinen Recherchen begegnet mir Propriozeption häufig in zwei Extremen.

Entweder wird sie sehr ungenau beschrieben oder sie wird auf einzelne Übungen reduziert – beispielsweise Gleichgewichtsübungen, Augenbewegungen oder Koordinationstraining.

Manchmal wird sie sogar fast ausschließlich mit Achtsamkeit oder Spiritualität gleichgesetzt.

Aus meiner Sicht greift all das zu kurz. Denn Propriozeption ist keine Methode. Keine Technik. Keine Therapie.

Sie ist ein menschlicher Sinn. So selbstverständlich wie Sehen oder Hören. Nur benutzen wir ihn kaum bewusst.

Ein Gedankenexperiment

Stellt euch vor, wir würden unser ganzes Leben mit geschlossenen Augenlidern verbringen.

Anstatt die Augen einfach zu öffnen. Wir würden immer neue Übungen und Techniken entwickeln, um uns besser in der Welt zurechtfinden zu können.

Wir würden Trainingsprogramme schreiben, Methoden vergleichen, neue Geräte erfinden.

Dabei müssten wir nur die Augenlider öffnen und hätten sofort einen zusätzlichen Sinn zur Verfügung, der uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Der eigentliche Zugang wäre schon längst vorhanden, aber ungenutzt. Genau so gehen wir häufig mit unserer Tiefenwahrnehmung um. Wir trainieren unermüdlich, ohne den Sinn zu nutzen, der Bewegung überhaupt erst präzise und lebendig macht.

Warum das so viel größer ist als Training

Das Besondere an der Propriozeption ist, dass sie weit über Bewegung hinaus wirkt.

Sie beeinflusst nicht nur unsere Koordination, sondern auch unser Sicherheitsgefühl, unsere emotionale Stabilität und unser Vertrauen in den eigenen Körper. Sie bildet die Grundlage für gesundes Training, für wirksame Prävention, für erfolgreiche Rehabilitation und vor allem aber für Selbstwirksamkeit.

Und genau deshalb verdient sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit, als sie heute erhält.

Mein Anliegen

Mit meiner Arbeit möchte ich Menschen nicht von einer Methode abhängig machen. Ich möchte ihnen helfen, einen Zugang wiederzuentdecken, den sie bereits in sich tragen.

Deshalb schreibe ich diese Beiträge, halte Vorträge und begleite Menschen in meinem Studio.

Ich wünsche mir, dass Propriozeption nicht länger eine Randnotiz der Trainingslehre oder eine diffuse Idee aus der Achtsamkeit bleibt. Sondern als das verstanden wird, was sie ist:

Eine grundlegende Fähigkeit des Menschen.

Vielleicht ist es Zeit, diesen Sinn wieder ernst zu nehmen. Denn wer beginnt, sich selbst von innen wahrzunehmen, entdeckt etwas, das keine Übung der Welt ersetzen kann.

Und vielleicht noch ein Gedanke, der mich fasziniert:

Gerade diese Fähigkeit der differenzierten Körperwahrnehmung ist etwas zutiefst Menschliches. Sie entsteht aus dem unmittelbaren Dialog zwischen unserem Nervensystem, unserem Gehirn und unserem Körper.

Und genau diese Fähigkeit wird keine Künstliche Intelligenz der Welt jemals für uns übernehmen oder ersetzen können.

KI kann analysieren, berechnen, simulieren und Empfehlungen geben. Sie kann Wissen vermitteln und Zusammenhänge erklären (ohne dieses Wissen je zu _verstehen_). Aber sie kann niemals für uns fühlen, wahrnehmen oder den lebendigen Kontakt zu unserem eigenen Körper herstellen.

Diese Erfahrung kann nur jeder Mensch selbst machen.

Gemma Mari Gurt

Gemma Mari Gurt

Haltungscoach

Seit über 30 Jahren trainiere ich Menschen in Gruppen und im Einzel-Coaching. Mich fasziniert die Vernetzung körperlicher, geistiger und seelischer Haltung. Über die Jahre ist die Haltung für mich ein Lebensstil geworden.

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