Wenn wir genau Hinsehen
Zeichnen und Malen sind für viele Menschen eine Möglichkeit, in der Freizeit zur Ruhe zu kommen. Zu diesen Menschen gehöre auch ich. Schon als Mädchen hatte ich meinen Block und meinen Bleistift immer dabei. Damals zeichnete ich mit der Zunge zwischen den Lippen – heute mit der Zungenwurzel bewusst in Richtung Gaumen ausgerichtet.
Während andere Mandalas ausmalen, zeichne ich besonders gerne anatomische Bilder.
Dabei kann ich mich so sehr vertiefen, dass ich die Zeit vergesse. Mit jedem Strich betrachte und reflektiere ich die dargestellten Strukturen. Ich beginne, ihre biomechanischen Zusammenhänge noch besser zu verstehen – und komme aus dem Staunen nicht heraus.

Obwohl ich schon unzählige anatomische Abbildungen gesehen habe, entdecke ich den menschlichen Körper beim Zeichnen immer wieder neu. Und mit jeder Zeichnung verliebe ich mich ein wenig mehr in ihn. Meine Hände gleiten über das Papier, während mein Körper vor Freude jubelt – fast so, als fühlte er sich erkannt und würde mir zurufen: „Ja, genau! Das bin ich!“
Die Art und Weise, wie unser Körper aufgebaut ist, gilt auch für uns Menschen als Gesellschaft.
Er ist ein vernetztes System aus zahlreichen eigenständigen Strukturen. Je differenzierter und zugleich abgestimmter diese Strukturen miteinander interagieren, desto mehr Geschmeidigkeit, Leichtigkeit, Kraft und Bewegungsfreude können wir bewahren.
Gerade habe ich eine Zeichnung des Beckens angefertigt. Während des Ausmalens begann sich mein eigenes Becken aufzurichten – ohne dass mein Gehirn ihm bewusst einen Auftrag dazu gegeben hätte. Meine beiden Beckenhälften begannen, sich wie von selbst zu mobilisieren. Dieser Moment war einzigartig.
Wenn ich Bildungsministerin wäre, würde ich sofort ein neues Unterrichtsfach einführen: „Gespürte Anatomie“ – ein Fach fürs Leben!
Schauen wir uns zum Beispiel den Übergang zwischen dem Kreuzbein und den beiden Beckenknochen an. Das Kreuzbein liegt zwischen der rechten und der linken Beckenhälfte und bildet mit ihnen über die beiden Iliosakralgelenke eine funktionelle Einheit.
Schon wenn wir nur die Bänder in diesem Bereich betrachten, erkennen wir ein faszinierendes Konzept von Stabilität und Aufrichtung. Die Bänder verbinden das Kreuzbein mit den Beckenknochen, führen die Gelenke und helfen dabei, Kräfte aufzunehmen und zu verteilen. Gleichzeitig ermöglichen sie gemeinsam mit den Muskeln und Gelenken jene feinen Bewegungen, die wir beim Gehen benötigen.
Bewegt sich ein Bein nach vorne, reagieren die beiden Beckenhälften differenziert aufeinander. Bänder, Muskeln und Gelenke wirken dabei wie ein fein abgestimmtes, elastisches Spannungsnetz. Sie sorgen nicht für starre Stabilität, sondern ermöglichen Bewegung, während die innere Organisation des Beckens erhalten bleibt.
Genau das lässt sich in diesem Bild erahnen. Würden wir zusätzlich den Verlauf der Muskelzellen in den verschiedenen Muskelschichten einzeichnen, könnten wir noch deutlicher erkennen – oder besser gesagt hören –, was uns das Becken vielleicht sagen würde:
„Respektiere meine senkrechte Ausrichtung und meine Vernetzung mit allen umliegenden Strukturen. Dann schenke ich dir Beweglichkeit und Bewegungsfreude für viele Jahre.“
An dieser Stelle fragen viele: „Ja, aber wie mache ich das?“
Indem wir beginnen, mehr darin zu investieren, dem Körper von innen zuzuhören und ihn differenziert wahrzunehmen – bevor wir unsere großen Investitionen ausschließlich nach außen richten: auf Techniken, Erkenntnisse und Übungen, die unserem Körper zeigen sollen, wie er zu funktionieren hat. Wenn wir unseren Körper besser verstehen, lernen wir, ihm zu vertrauen. Vielleicht verlieben wir uns sogar ein wenig in ihn. Selbstwirksamkeit, Selbstliebe und Selbstbewusstsein können daraus wachsen. Und das sind zugleich wertvolle Voraussetzungen, um auch mit anderen Menschen in Verbindung zu treten und gut miteinander zu interagieren.


