Wie Sprache unsere Haltung formt – Die Macht der Worte

…und warum wir vielleicht neue brauchen

Kaum jemand spricht darüber, welchen Einfluss die Begriffe haben, mit denen wir unsere Körperstrukturen benennen. Und doch kann ich nach vielen Jahren praktischer Arbeit behaupten: 

Dieser Einfluss ist größer, als die meisten ahnen.

Denn Sprache formt Bilder und diese Bilder können je nach dem unsere Körperhaltung und Bewegungen entweder unterstützen oder negativ beeinflussen.

Schauen wir uns einige dieser Beispiele genauer an:

Wenn „Wirbelsäule“ zur Säule wird

Das Wort Wirbelsäule ist ein gutes Beispiel. Sobald wir uns aufrichten möchten, erzeugt unser Gehirn unbewusst das Bild einer starren Säule. Der Aufrichtungsimpuls wird dann häufig aus unökonomischen Strukturen organisiert, weil sich das Gehirn an diesem Bild orientiert. Wenn die Körperwahrnehmung nicht gut geschult ist, folgt der Bewegungsimpuls genau dieser inneren Vorstellung: hart, fest, blockierend.

Doch unsere „Wirbelbelsäule“ ist keine Säule. Sie ist eine fein bewegliche, intelligente Wirbelkette, die zusammen mit flexiblen Ko-Strukturen (Bandscheiben, Muskeln, Faszie, Sehnen), dynamisch auf jede Gewichtsverlagerung reagiert. Wirbelkette wäre eine Bezeichnung, die näher an der natürlichen Biomechanik liegt, und das Gehirn dabei unterstützt ökonomischere und leichtere Bewegungsstrategien zu finden.

Sitzhöcker – oder doch Aufrichtungsbeinhöcker?

Ein weiteres Beispiel: die sogenannten Sitzhöcker. Der Name lädt geradezu dazu ein, sich darauf „zu parken und zu stützen“. Und genau das passiert; vor allem, wenn wir ohnehin viel zu viel sitzen.

Dabei sind diese Knochen mit Strukturen umgeben, die alles besitzen, was wir brauchen, um uns von unten nach oben aufzurichten. Sie sind nicht als Parkfläche gedacht, sondern als biomechanische Impulsgeber für die Länge in unserem Rumpf.

Die Folge eines falschen mentalen Bildes? Fehlverteilungen von Kräften, unnötige Kräfte, unnötige Verspannungen und die allseits bekannten Rückenschmerzen am Ende des Tages.

Der „kleine Brustmuskel“ – ein unterschätzter Held

Der Name „kleiner Brustmuskel“ hat ihm einen Platz im Schatten verschafft, klein, unscheinbar, zweitrangig unter seinem größeren Bruder.

Doch wenn ihr wüsstet!

Wird dieser Muskel wieder befreit und aktiv, kann er:

  • die Atmung ökonomisch unterstützen,
  • den Solarplexus sowie den Magen entlasten,
  • dem Iliopsoas und der Zwerchfellmitte Halt geben,
  • und insgesamt enorm zur Aufrichtung beitragen.

Ein Muskel, der klein heißt, darf im Bewusstsein gar nicht groß wirken. Ein typisches Beispiel dafür, wie Namen unsere Haltung prägen.

Und dann der „Schambereich“…

Auch der Begriff Schambein oder Schambereich ist ein sprachliches Fossil, verhaftet in einer Zeit, in der Körperteile moralisch bewertet wurden. Wir haben mittlerweile 2025!

Solche Begriffe beeinflussen unsere Beziehung zu unserem Körper. Was „Scham“ heißt, wird unbewusst versteckt, angespannt, abgekoppelt, nicht integriert. Das passiert unbewusst und es ist schwer sich dem zu entziehen.

Um ehrlich sein, habe ich bis heute selbst noch keinen wirklich stimmigen neuen Namen für diesen Bereich gefunden. Vielleicht auch deshalb, weil dieser Raum mit vielen Themen verbunden ist. Und vielleicht müssen wir hier gar nicht um jeden Preis neue Begriffe erfinden.

Die Kombination aus falscher Sprache und fehlender Wahrnehmung

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen:
Es reicht, wenn wir verstehen, wie unser Körper funktioniert, seine Biomechanik kennen und die Fähigkeit entwickeln, unser Nervensystem aktiv zu integrieren für eine differenzierte Wahrnehmung.

Wenn das geschieht, verlieren Worte an Bedeutung und das Spüren übernimmt.
Und aus diesem Spüren entsteht etwas viel Wertvolleres als ein festgelegter Begriff:
„Es fühlt sich an wie …“

Dieses Wie ist viel individueller, lebendiger und für das Gehirn bedeutungsvoller als jede festgemeißelte Bezeichnung, die den Körper unbewusst auf einen Irrweg führen kann.
Der Name, der dann entsteht, wird der richtige sein, weil er aus Erfahrung geboren ist und wie eine Erinnerung für das Nervensystem wirkt.

Erst kommt das Spüren.
Dann die Worte.

Falsch benannte Strukturen, fehlendes Wissen über die eigene Biomechanik und mangelnde Körperwahrnehmung, diese Mischung führt zu ernsten Problemen. Das sehe ich täglich in meinem Studio.

Deshalb bilden die POSTURA-Prinzipien für mich die stabile Grundlage der Körperarbeit. Sie bestehen aus:

  1. Biomechanischer Aufklärung
  2. Wahrnehmung über afferente Nervenbahnen
  3. Präzisem Coaching

Und ja, ich taufe gelegentlich einige Begriffe bewusst um, um die natürliche Biomechanik leichter zugänglich zu machen:

  • statt SitzhöckerAufrichtungsbeinhöcker
  • statt WirbelsäuleWirbelkette
  • statt kleiner BrustmuskelLeichtigkeitsmuskel
  • statt SchambeinknochenIntegralknochen vielleicht? Wer hat andere Vorschläge?

Wer die Biomechanik versteht, findet unendlich viele neue, treffendere Namen. Sprache schafft Realität, auch im Körper.

Warum dieses Thema perfekt zu Weihnachten passt

Gerade in der Adventszeit höre ich Sätze wie:

„Oh nein, ich bin so dumm, ich habe meine Hose/ mein Handtuch/ meine Socken vergessen!“

Wie wäre es, wenn wir solche Gedanken umformulieren?

Statt Selbstabwertung:

„Ich habe gerade viel im Kopf, deshalb war ich unachtsam. Es ist verständlich, dass ich etwas vergessen habe.“

Respekt beginnt mit dem Umgang mit uns selbst.
Wie wir über andere denken, hängt unmittelbar davon ab, wie wir über uns selbst denken.

Machen wir die Welt ein Stück schöner, indem wir auf unsere Sprache achten. Auf unsere Gedanken. Und auf die Bilder, die wir von unserem eigenen Körper formen.

Gemma Mari Gurt

Gemma Mari Gurt

Haltungscoach

Seit über 30 Jahren trainiere ich Menschen in Gruppen und im Einzel-Coaching. Mich fasziniert die Vernetzung körperlicher, geistiger und seelischer Haltung. Über die Jahre ist die Haltung für mich ein Lebensstil geworden.

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